Kulinarik ist ein Reisegrund

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Das Thema "Regionale und touristische Vermarktung im Internet" ist gerade in Zeiten einer Pandemie wichtiger denn je. Unternehmer müssen sich in Zukunft digital (noch) besser positionieren, wenn sie nicht den Anschluss an die Zukunft verlieren wollen. Der Tenor am Ende einer Diskussionsrunde, die am 1. Februar 2021 bei Clubhouse und auf Einladung von Bayern online stattfand, lautete: "Vieles ist getan. Aber wir haben auch noch jede Menge Luft nach oben."

Flaches Land vs. Gebirgsregion

Ein Küchenchef aus dem Norden Deutschlands, der für seine Gerichte auch regionale Erzeugnisse als Zutaten verwendet, wie zum Beispiel den Europäischen Queller, den er dann zu den Lammfilets serviert, sieht die Vermarktung anderer Angebote wie Milch, Lammwolle und natürlich Fisch durchaus problematisch: „Wo man andernorts die Bier- und Bratwurstbrotzeit wunderbar mit Wandern, Bergklettern oder Skisport verknüpfen kann, da bietet das flache Land eben weniger Resonanzraum. Wichtig ist doch, dass man eine spannende Geschichte zu den Produkten erzählen kann.“ Sein Kollege, ein Betreiber von ländlich gelegenen Ferienappartements mit Bewirtung, stimmt ihm zu und erklärt, dass auch er stets darauf achte, die eigene Kürbis-, Zucchini-, Kartoffel- und Apfelernte vor Ort anzubieten. Darüber hinaus nutze er Online-Portale wie „Mein Marktstand“ oder „Wirt sucht Bauer“

    Gegenseitige Wertschätzung und Wertschätzungsketten

    Verbindende Geschichten hat die an Kulinarik und Sehenswürdigkeiten wahrlich nicht arme Oberfrankenregion zuhauf. Die „Genussregion Oberfranken“ versucht nun, all diese Erzählungen mittels Genussbotschafter zu bündeln und vor allem gemeinsam zu präsentieren (2018 hat der Freistaat Bayern zudem „100 Genussorte“ prämiert, darunter 23 alleine in Oberfranken). Der Verein mit Sitz in Bayreuth umfasst derzeit 353 Mitgliedsbetriebe. 58 Gastronomie- und Hotelunternehmer, zahlreiche ländliche Bäcker, Metzger oder Imker gehen Hand in Hand, um die Themen „Kulinarik und Tourismus“ in der Region voranzubringen. Es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass Oberfranken, gemessen an seinen fast 1,1 Millionen Einwohnern, weltweit die höchste Dichte an Bäckereien, Metzgereien und Privatbrauereien besitzt. Genussfeste in den Ortschaften, der alljährliche Besuch auf der „Grünen Messe“ mit eigenem Stand sowie die gegenseitige Unterstützung der Landwirte und Gaststätten- und Hotelbetreiber sorgen dafür, dass die Wertschätzungskette nicht unterbrochen wird. 

    Eine Frage der Nachfrage und Logistik 

    Und was geschieht digital? Es gebe Verbesserungsbedarf, so heißt es aus dem Verein. Allerdings sei die frische Webseite mit Spezialitätendatenbank bereits online. Über 600 Gerichte und Erzeugnisse würden dort gelistet, ebenso die Orte, an denen man sie genießen könne. Das heißt aber auch: Der Endverbraucher muss vorbeikommen, sei es als Urlauber oder Einwohner, denn die „Genussregion“ ist kein Portal wie „Mein Marktstand“, über das sich etwas bestellen lässt. Auch gebe es nur vereinzelt Produzenten, die ihre Waren über einen Shop anbieten würden oder mit einem Lieferdienst aufwarten könnten. Vorbilder aus der Großstadt wie der rollende Supermarkt „Gorilla“ in Berlin oder E-Commerce-Shops würden in ländlichen Gegenden nur bedingt funktionieren. Warum eigentlich? Zum einen fehle die Nachfrage, zum anderen seien die Entfernungen zu groß. Die Logistik sei das Problem. „Und nicht zuletzt auch die Kühlung der Fleischprodukte. Dosenwurst ist jedenfalls keine Lösung.“ Die Idee eines „Regionalen Kühlschranks“ dagegen sei flächendeckend umsetzbar. In einigen Unterkünften der Fränkischen Schweiz würden die Kühlschränke der Ferienhäuser auf Wunsch der Gäste bereits vor der Anreise mit lokalen Schmankerln bestückt, sodass der Urlaub ohne Umschweife und Einkaufsstress beginnen könne.    
    
    Nachhaltigkeit, Identifikation und Qualität

    Wir alle können noch nicht abschätzen, in welche Richtung sich der Tourismus nach der Pandemie entwickelt. Aber wir können jetzt schon sehen, dass sich viele Szenarien ohne (gut funktionierende) digitale Landschaft gar nicht erst denken lassen. Viele Endverbraucher werden weiterhin auf Onlinelieferung schwören, andere dagegen in den stationären Handel oder zum Dorfmetzger ihres Vertrauens als Kunden zurückkehren. Aber eine Verschiebung ist bereits zu erkennen. Das oberste Gebot sei es, vor allem den regionalen Einzelhändler zu stärken, der sich eben nicht mit Gemüse oder einem Milchautomaten in einem großen Supermarkt positionieren könne. Heimische Bauern, Bäcker, Metzger, Bierbrauer, Weinhersteller, aber auch Modeschöpfer, die nicht zuletzt für Nachhaltigkeit, Identifikation und Qualität bürgen. Die Mischung macht‘s. Ein Zusammenspiel aus traditionellen Dienstleistungswegen und der Nutzung digitaler Netzwerke. Ohne freilich das hautnahe Erleben in den Urlaubsregionen Deutschlands außer Acht zu lassen. Denn wie sagte ein Teilnehmer abschließend so treffend? „Kulinarik ist immer ein Reisegrund.“ 

Nächste Diskussionsrunde am 8. Februar bei Clubhouse zum Thema "Smart Destination"

Beispiele und Tipps für die regionale und touristische Vermarktung im Überblick: 

  • Einkaufs-Apps wie "Gorillas", dem rollenden Supermarkt aus Berlin 
  • E-Commerce-Shops oder Online-Shops, die die Anbieter selbst auf die Beine gestellt haben 
  • Kooperationen in der "Genussregion": gegenseitige Unterstützung der Hersteller, regionale Herstellungs- und Lieferketten. Beispiel: Ein Landwirte, der mit einem Müller kooperiert. Die Endverbraucher haben die Gewissheit, dass das Mehl im Landkreis  produziert wurde
  • Enge Zusammenarbeit zwischen Erzeugern, Gastronomen und Hotelbetreibern 
  • Portale wie "Wirt sucht Bauer" im Landkreis Kulmbach
  • Portale wie "Mein Marktstand"
  • "Regionaler Kühlschrank" in einigen Unterkünften in der Fränkischen Schweiz
  • Regionaltheken in ausgesuchten Supermärkten 
  • Genusshäuser vor Ort. Touristische Anlaufstellen und Zentren für Einheimische. Also "offene Werkstätten", auch als Schulungs- und Tagungsorte möglich, in denen die Besucher live dabei sein können, wenn der Metzger oder Bäcker seine Waren herstellt. Auch hier wäre die Kooperation mit anderen touristischen Dienstleistern aus dem Hotelgewerbe wünschenswert  

Ein Interview zum Thema Genussregion Oberfranken findet Ihr hier:

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