Die Känguru-Rebellion
»Ich rebelliere!«, ruft das Känguru, als es in die Küche kommt.
»Aha«, sage ich. »Wogegen rebellierst du denn?«
»Gegen die Zustände.«
»Verständlich«, sage ich. »Löblich geradezu.«
»Rebellierst du mit?«, fragt das Känguru.
»Wenn ich darf.«
»Falsche Antwort. Wer rebelliert, fragt nicht, ob er darf.«
»Guter Punkt.«
»Also rebellierst du mit?«
»Sehr gerne.«
»Hervorragend«, sagt das Känguru. »Dann sind wir schon zu zweit.«
Marc-Uwe Kling – Die Känguru-Rebellion
Eine Rebellion, bei der man unbedingt mitmachen möchte!
Es gibt literarische Figuren, die man einfach nicht vergisst. Und dann gibt es das Känguru von Marc-Uwe Kling. Vorlaut, anarchisch, schlagfertig, politisch unbequem und mit einer bemerkenswerten Begabung ausgestattet, die Absurditäten unserer Gesellschaft schonungslos offenzulegen. Mit „Die Känguru-Rebellion“, dem mittlerweile fünften Band der erfolgreichen Känguru-Reihe, kehren der ebenso liebenswerte wie anstrengende Beuteltier-Rebell und sein menschlicher Mitbewohner, der Kleinkünstler Marc-Uwe, endlich zurück.
Und schon die kleine Kostprobe aus dem Buch zeigt wunderbar, warum diese beiden Figuren seit Jahren so viele Menschen begeistern:
»Ich rebelliere!«, ruft das Känguru, als es in die Küche kommt.
»Aha«, sage ich. »Wogegen rebellierst du denn?«
»Gegen die Zustände.«
»Verständlich«, sage ich. »Löblich geradezu.«
»Rebellierst du mit?«, fragt das Känguru.
»Wenn ich darf.«
»Falsche Antwort. Wer rebelliert, fragt nicht, ob er darf.«
»Guter Punkt.«
»Also rebellierst du mit?«
»Sehr gerne.«
»Hervorragend«, sagt das Känguru. »Dann sind wir schon zu zweit.«
Herrlich! In diesen wenigen Zeilen steckt eigentlich schon alles, was die Känguru-Geschichten so besonders macht: ein wunderbar trockener Humor, die Kunst des pointierten Dialogs, ein wenig philosophischer Tiefgang und natürlich die unverwechselbare Logik eines Kängurus, das grundsätzlich alles infrage stellt – außer sich selbst.
Besonders schön finde ich den Satz: „Wer rebelliert, fragt nicht, ob er darf.“ Was zunächst wie eine beiläufige Pointe daherkommt, enthält bei genauerem Hinsehen eine durchaus ernst zu nehmende Botschaft. Denn wie oft beklagen wir gesellschaftliche Missstände, politische Fehlentwicklungen oder alltägliche Ungerechtigkeiten, ohne tatsächlich etwas dagegen zu unternehmen? Wie oft warten wir darauf, dass andere aktiv werden, während wir selbst lieber auf der sicheren Seite bleiben?
Das Känguru macht es anders. Es rebelliert einfach. Gegen die Zustände. Welche genau? Offenbar gegen alle, die ihm nicht passen. Und gerade diese herrliche Unbestimmtheit macht die Szene so komisch und zugleich so treffend. Schließlich dürfte jeder von uns auf Anhieb einige Zustände nennen können, gegen die sich eine kleine Rebellion durchaus lohnen würde.
Marc-Uwe Kling beherrscht dabei eine Kunst, die keineswegs selbstverständlich ist: Er verbindet politische und gesellschaftliche Kritik mit intelligenter Unterhaltung, ohne dass man das Gefühl bekommt, eine politische Grundsatzrede hören zu müssen. Seine Figuren diskutieren, provozieren, widersprechen sich und führen mitunter die absurdesten Argumentationen ad absurdum. Und ganz nebenbei hält uns das Känguru immer wieder einen Spiegel vor.
Gerade das Zusammenspiel zwischen dem Känguru und dem Kleinkünstler ist dabei ein besonderer Reiz. Während das Känguru mit revolutionärem Selbstbewusstsein und einer gehörigen Portion Unverschämtheit auftritt, versucht Marc-Uwe meist, mit Vernunft, Zurückhaltung und gelegentlicher Resignation dagegenzuhalten. Dass er dabei regelmäßig den Kürzeren zieht, gehört zu den schönsten wiederkehrenden Elementen dieser Geschichten.
Was ich an Klings Humor besonders schätze, ist seine Vielschichtigkeit. Man kann über die Dialoge einfach herzhaft lachen. Man kann aber auch einen Moment länger darüber nachdenken und feststellen, dass hinter einer scheinbar harmlosen Bemerkung eine ziemlich treffende Beobachtung unserer Gesellschaft steckt. Seine Satire lebt nicht allein von der Pointe, sondern auch von dem Gedanken, der dahintersteht.
Natürlich ist dieser Humor nicht immer bequem. Er ist politisch, manchmal bewusst überspitzt, gelegentlich respektlos und dürfte sicherlich nicht jedem gefallen. Aber genau darin liegt auch seine Stärke. Satire muss nicht allen gefallen. Sie darf provozieren, Widerspruch hervorrufen und eingefahrene Denkmuster durcheinanderbringen. Im besten Fall sorgt sie dafür, dass man erst lacht und anschließend überlegt, warum man eigentlich gelacht hat.
Dass Marc-Uwe Kling mit seinen Känguru-Geschichten vor allem auch ein jüngeres Publikum für gesellschaftliche Fragen begeistert, ist dabei ein bemerkenswerter Erfolg. In einer Zeit, in der politische Diskussionen häufig verbissen geführt werden und sich gesellschaftliche Lager zunehmend unversöhnlich gegenüberstehen, kann Humor eine wichtige Brücke sein. Er kann Widersprüche sichtbar machen, ohne sofort in moralische Belehrungen zu verfallen.
Dabei sollte man allerdings nicht vergessen, dass auch die Sichtweise des Kängurus nicht automatisch die einzig richtige ist. Gerade seine Selbstgewissheit, seine Widersprüche und seine gelegentlich ziemlich eigenwillige Vorstellung von Gerechtigkeit machen die Figur interessant. Ein Känguru, das immer recht hätte, wäre auf Dauer vermutlich nur halb so unterhaltsam. Zum Glück ist dieses Känguru nicht nur rebellisch, sondern auch wunderbar widersprüchlich.
Mit „Die Känguru-Rebellion“ verspricht Marc-Uwe Kling nun eine Fortsetzung, die angesichts der gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Stimmung kaum passender erscheinen könnte. Es gibt schließlich genügend Gründe, sich über die Zustände aufzuregen. Und vielleicht ist es tatsächlich manchmal gesünder, zunächst über deren Absurdität zu lachen, bevor man sich daranmacht, etwas zu verändern.
Ob der fünfte Band durchgehend an die Originalität und den Witz seiner Vorgänger anknüpfen kann, muss natürlich die vollständige Lektüre zeigen. Die vorliegende Kostprobe macht jedenfalls große Lust darauf. Der vertraute Schlagabtausch funktioniert, der Humor sitzt, und die rebellische Grundhaltung des Kängurus scheint erfreulicherweise ungebrochen.
Mein Fazit:
„Die Känguru-Rebellion“ verspricht genau jene Mischung, für die ich Marc-Uwe Klings Geschichten so schätze: Wortwitz, Ironie, politische Satire, absurde Gedankenspiele und eine ordentliche Portion Gesellschaftskritik. Ein Buch, das nicht nur unterhalten, sondern auch zum Nachdenken anregen möchte – und das ganz offensichtlich mit viel Vergnügen.
Ich freue mich jedenfalls auf ein Wiedersehen mit diesem ungewöhnlichen Duo und auf weitere Gespräche, bei denen man nie so genau weiß, ob man gerade einem philosophischen Gedankenexperiment, einem politischen Kabarettprogramm oder schlicht dem ganz normalen Wahnsinn des Alltags beiwohnt.
Und sollte das Känguru eines Tages tatsächlich in meiner Küche stehen und verkünden: „Ich rebelliere!“, dann weiß ich nach dieser Leseprobe immerhin, was ich besser nicht antworten sollte.
Denn eines habe ich bereits gelernt:
Wer rebelliert, fragt nicht, ob er darf.
Und wenn man dabei auch noch so herrlich lachen kann, bin ich gerne mit von der Partie!








