29.01.2016

von B° (MZ)

Typisch bayerischer Brauch: das Neujahrsanblasen und andere Volksfeste

Volksmusik ist ein wesentlicher Bestandteil des bayerischen Brauchtums und in Bayern nicht wegzudenken.

Volksmusik ist ein wesentlicher Bestandteil des Brauchtums einer Bevölkerungsgruppe. Die traditionelle Musik ist sowohl im Freistaat als auch anderenorts mit verschiedensten Sitten und Bräuchen regelrecht verschmolzen und von elementarer Bedeutung für das Selbstverständnis der jeweiligen Gemeinschaft. Über die Volksmusik identifiziert und präsentiert sie sich. 

Das erste Ertönen traditioneller Blasmusik im Jahr hören die Bayern gleich an Neujahr. Besonders in verschiedenen süddeutschen und österreichischen Orten hat sich der Brauch entwickelt und gehalten, das neue Jahr „anzublasen“. Wie beim sogenannten Apperschnalzen geht es beim Neujahrsblasen also darum, die Mitbürger lautstark aufzurütteln, zu wecken, jedoch mit Musik und nicht mit Peitschen.

Fakten
Ap(p)erschnalzen:
regional begrenzter Brauch kurz vor der Faschingszeit, bei dem Schnalzer und Schnalzerinnen mit einer "Goaßl" symbolisch und oft wettkampfartig den Winter vertreiben.

Wie im Vorwort dieser österreichischen Seminararbeit „1. Führungskräfteausbildung für Blasmusikfunktionäre“ vermerkt ist, dient das Neujahrsblasen als wichtiges Ereignis innerhalb des Blasmusikjahres. Der Autor vermerkt darin, dass dieser Brauch in Österreich weitgehende Verbreitung findet und einen wesentlichen Beitrag zu den Jahreseinnahmen der Kapelle leisten kann. In dessen Fall belaufen sie sich auf 36 Prozent. Das Neujahrsblasen ist darüber hinaus für das bayerische Brannenburg im Chiemgau bereits im Jahr 1890 nachgewiesen. Damals war diese wohltätige Aktion stark kirchenmusikalisch geprägt. Heute führen die Musiker auch Volkslieder auf.

 

Neujahrsanblasen in Bad Bayersoien

Der kleine Kurort Bad Bayersoien liegt im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Auch dessen Bürger praktizieren den Brauch des Neujahrsanblasens. Sie hoffen laut diesem Bericht, „die Anwohner des Dorfes mit einem Ständchen zu erfreuen und auf diesem Wege jedem ein gutes Hineinkommen in das neue Jahr zu wünschen“. Die Blaskapelle Bad Bayersoien, die diese Tradition bewahrt und damit auch für den Zusammenhalt im Dorf sorgt, wurde im vergangenen Jahr Landessieger im Bayerisch-Böhmisch-Wettbewerb. Ihre Geschichte reicht nach eigener Aussage bis ins Jahr 1827 zurück.

Der Verein gestaltet sein Neujahrsanblasen in der Form, dass die lauffreudigen Mitglieder einzig und allein von Haus zu Haus ziehen. Sie verzichten darauf, sich auf dem Dorfplatz zu positionieren, sondern wählen die jeweils persönliche Grußsendung.

Weitere bayerische Ortschaften begegnen dem neuen Jahr auf musikalische Weise

Auch in anderen Orten ziehen beim traditionellen Neujahrsanblasen eine oder mehrere Kapellen in Grüppchen an möglichst zahlreichen Häusern vorbei und wünschen den Bürgern ein frohes neues Jahr. Das geschieht teilweise bereits am vorletzten, oft am letzten Tag des Jahres sowie an Neujahr, so wie mit der Knappschafts- und Trachtenkapelle in Peiting. In anderen Gemeinden findet dieser insgesamt eher seltene Brauch laut dieser Quelle alle zwei oder vier Jahre statt. Und auch an zentraler Stelle ist durchaus ein kleines Konzert möglich: Die Kellberger Bläser etwa haben das Jahr 2016 beispielsweise im Innenhof des Passauer Landratsamtes begrüßt.

Der Zug erfolgt, wenn das oft harte Winterwetter es zulässt, zumeist im traditionellen Trachtengewand. Die Strecke ist vorgeplant, die meisten Bewohner, deren Grundstücke die Musiker passieren, sind bekannt. Im Gegenzug erhalten die Vereinsmitglieder neben dem „Vergelt’s Gott“ eine vielleicht besonders großzügige Spende dieses Bürgers. Je nach Ortsgemeinschaft und Brauch sind die Musiker durchaus bis spät in den Abend unterwegs. Besonders die Finger leiden, wenn das Spielen mit Handschuhen unmöglich ist. Auch die Instrumente werden bei sehr niedrigen Temperaturen stark beansprucht. Doch oft bietet sich den frierenden Kapellen an, ins heimische Wirtshaus oder bei einem ihrer Mitglieder einzukehren.

Einen Eindruck von der Überzeugung und Hartnäckigkeit, mit der Neujahrsanbläser auftreten, liefert auch das  Video.

 

 

 

Insgesamt weist das Neujahrsanblasen demnach Züge des Sankt-Martins-Fests, des Faschings oder anderer Umzüge auf. Wie bei diesen Veranstaltungen kann auch der Neujahrs-Zug bei einigen Anwohnern auf „taube Ohren stoßen“; die meisten freuen sich jedoch über diese spezielle Botschaft und stimmen im besten Fall ins Spiel der Musiker ein. Im Allgemeinen gilt es für die Gruppen, einen Zeitpunkt zu finden, an dem möglichst zahlreiche Bürger zu Hause sind. Die eingesammelten Spenden dienen meist gemeinnützigen Zwecken – oder dem einen oder anderen Abschlussbier.

Bayerische Traditionsvielfalt

Bayerische Traditionen kommen nicht nur beim Neujahrsblasen oder Apperschnalzen, sondern auch bei anderen Festen und Veranstaltungen zum Tragen: Im Urlaubsort Pfronten im Allgäu zum Beispiel findet am 6. Februar das sogenannte Schalenggenrennen statt. Zum nunmehr 31. Mal erinnert der Ort an die alte, praktische, aber schweißtreibende winterliche Heubeförderung: Bis in die 60er-Jahre hinein zogen Männer Holzschlitten, den Schalenggen, die Berge hinauf, um Heu oder Holz ins Tal zu befördern. Während der Vordermann auf der abenteuerlichen und durchaus riskanten Rückfahrt den Schlitten steuerte, war der Hintermann für die Sicherung der Ladung zuständig. Dieses Fest zur Faschingszeit untermalen die Pfrontener mit moderner und traditioneller Musik. 

Ohne die Existenz der gewissermaßen „unzähligen“ Musikvereine wären viele der über das Jahr verteilten traditionellen und modernen Feste im Freistaat undenkbar. Dabei ist es unrelevant, ob die Musik im Mittelpunkt steht oder Begleitcharakter hat.

Ein Blick auf die Seite des Bayerischen Blasmusikverbandes (BBMV) verrät, dass dieser zurzeit aus neun Mitgliedsverbänden besteht. Diesen ordnen sich insgesamt 2.500 Musikvereine, Trommler- und Spielmannszüge, Ensembles sowie Jagd- und Alphorngruppen zu. Zu all ihnen gehören etwa 120.000 aktive Mitglieder. Im Jahr 1999 als Nachfolger des Bayerischen Musikbundes gegründet, setzt sich der BBMV ausdrücklich zum Ziel, die Volksmusik nicht nur zu erhalten, sondern zudem fortzuentwickeln. Mit dieser Traditionsverbundenheit erregen Bayerische Blaskapellenmusiker vor allem außerhalb des Freistaats, bundesweit oder international, besonderes Aufsehen. Dies belegen die wiederholten Auftritte Priener Vereine im Berliner Europa-Center, veranschaulicht.

Berühmte bayerische Kultur- und Musikveranstaltungen

In Kürze findet das facettenreiche Faschingstreiben statt. Es besitzt besonders in Franken und Schwaben großen Anklang. Einen der Höhepunkte bayerischen Narrentums stellt der Tanz der Marktweiber auf dem Münchener Viktualienmarkt dar, wo Dance und Volksmusik einander abwechseln, wie im folgenden Video zu sehen ist:

Der berühmte Tanz der Marktweiber 2015 auf dem Viktualienmarkt in München.

Zu den bekannten Volksfesten zählen zum Beispiel auch:

  • das Dachauer Volksfest (August)
  • die Erlanger Bergkirchweih (Mai)
  • das Münchener Oktoberfest (September/Oktober)
  • das Pichelsteinerfest in Regen (Juli/August)
  • das Rosenheimer Herbstfest (August/September)

Das folgende Video stammt vom letztjährigen Dachauer Volksfest. Es zeigt großenteils musikalisch untermalte Szenen des umfassenden Zugs der Vereine und Vereinigungen durch die Stadt sowie aus dem Festzelt.

Das Dachauer Volksfest 2015 mit Umzug und Feier im Festzelt.

Lebensnotwendig – die Blaskapelle

Wie Josef Felix, der Leiter der Blaskapelle Bad Bayersoien, betonte, sei eine bayerische Gemeinde ohne Blaskapelle nicht vorstellbar. Sie ist einer der wichtigsten Kulturträger vieler Orte. Es kann sich dabei sowohl um kirchliche als auch weltliche Musik handeln. Das gesamte Jahr liefert Anlässe, um diese mit Blasmusik zu bereichern: Prozessionen, Christkindlmarkt, Messen, Gartenfeste, Hochzeiten und Beerdigungen. Nicht zuletzt ist die Blasmusik auch ein wichtiges Medium, um regional und überregional auf die Gemeinde aufmerksam zu machen.


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